"Ich bin ein Boot"

Ich bin ein Boot

 

Das Meer ist blau und ich spüre die sanften Hände des Wassers an meinem Rumpf und das ist gut so. So sanft, ihre Hände, so sanft.

 

So sanft, als wollten sie mich versöhnen mit ihnen, als sollte ich schnell vergessen, dass ihre und die Hände ihrer Schwestern gestern in wirbelndem, tobendem Gesang draußen auf dem Meer meine Haut prüften. Mein Bug zerpflügte folgenlos ihre geschmeidigen Wangen, aufgefangen mein Körper in ihrem Schoß, hart getragen die Last meines Leibes und mich wiedergefunden in ihren milliardenfachen Verbundenheiten.

Was für ein Erleben! Was für eine wirbelnde Ekstase, verbunden verschlungen, losgelassen und wieder untrennbar scheinend, vereint. Und doch zwei verschiedene, eigene Körper in wildem sich Hingeben; hinaufgeschleudert auf die schäumenden Wogen ihres orgiastischen Feierns, hinabstürzend in eine Form des Lichtes, die niemand mehr als Licht erkennt. Meine Haut schmerzt, meine Rippen drohen zu brechen, mein Körper verformt sich und wird im gleichen Moment wieder, wie er war. Alles vergessend, was mich noch trennen, alles vergessend, was mir noch Schutz geben könnte, gebe ich mich hin und versinke in das Hinauf und das Hinunter. Um doch gleich wieder hinauf geschwungen zu werden, mich hangelnd, geschoben, gefordert, geformt von der unbändigen Kraft um mich herum.

In meinen Eingeweiden halten sich die Menschen an den Händen und beten, weinen, einige schreien, andere jammern, übergeben sich, ihre wunden Finger krallen sich fest in meine Innenhaut. Sie hören das Heulen des Windes nicht mehr durch ihre Angsttaubheit. Sie können nicht mehr die Kraft seiner Liebe wahrnehmen, behindert durch den Schleier ihrer eigenen Wasser.

Der Wind, der trocknen will, wo es unmöglich ist, der Wind, der sich auf der schwesterlichen Oberfläche mit ihnen vereint und ihre eigenen Vereinigungen aufwirbelnd, in sie hineinfährt, keine Ordnung will und doch nichts an ihr ändern kann, außer sie anders zu formen. Dieser Wind findet jedes Loch in meiner Haut und zeigt den Schwestern den Weg in mich hinein. Sie machen mich weiter, dort wo meine Kraft erlahmt und fließen schießend (?) in immer größer werdenden Strömen der Begeisterung in meinen Leib. Schwer werde ich und müde, so müde, so ganz hingebungsvoll müde. Gut ist es so, einfach gut und richtig. Keine Gegenwehr, kein Aufbäumen, nur Hingabe und Ekstase. Ja, so ist es gut, genauso ist es gut. Schon werden die Schmerzen weniger, das Loslassen mehr und doch, nein, nichts, noch nichts………

Und – doch! Leiser werden ihre Spiele mit mir, ihre Tänze flauen ab, ihre wirbelnden, auch harten Hände werden sanfter und sanfter, kleine Schaumkronen zeugen von den erlebten Orgasmen. Ermattet sinkt der Wind in ihre Arme, so wie ich und weht als Brise über meine Aufbauten, trocknet jetzt, was vorher nicht mehr wichtig war. Ich bin müde, schwer und geschlagen aber ich lebe und es lebt in mir. Ich höre das erleichterte Lachen der Menschen, ich spüre ihre Umarmungen, ihr Glück, den Verlust ihrer Angst. Ich höre und spüre ihre Arbeit an mir und mir wird ganz leicht, ganz einfach fließen die Schwestern aus mir heraus, ohne Bedauern, lachend und miteinander scherzend, sich begrüßend und sich wieder trennend, in einem wundervollen, sanften, liebevollen Spiel von Vereinigung und Loslassen. Sich wieder mit den anderen in der Weite findend, die nicht in mir mittanzen konnten.

Und jetzt liege ich am Kai und das Meer ist blau und ich spüre die sanften Hände der Schwestern an meinem Rumpf. So sanft, ihre Hände, so sanft.

Ich höre ihr lächelndes Versprechen für den nächsten Tanz mit mir oder mit einem meiner Geschwister, heute noch oder vielleicht doch erst morgen oder ….? Irgendwann!

Ich fühle die Sonne auf meinem Verdeck, die Besen auf meinem Rücken, die zischende Flamme des Schweißbrenners auf meiner Haut. Ich rieche die Farbe und den Schweiß der Männer. Ihr Lachen, ihre Gespräche schallen durch meine Gänge und meine Kajüten. Meine Haut wirft das Lachen und die Worte an sie zurück.

Das alles bleibt. Die Angst, die Tränen der Nacht, meine Tränen, ihre Tränen, genauso wie ihr Lachen, ihre Liebe, mein Lachen, meine Liebe. Das alles bleibt. Bleibt wie der Windbruder und die Wasserschwestern. Bleibt bei mir, in mir, unveränderliche Erinnerungen an jedes Leben. Jeder Hafen, jeder Vogel, jedes Tier, jeder Mensch, den ich sah und noch sehen werde, bleibt. Und das ist gut so.

Jetzt ist das Meer blau und ich spüre die sanften Hände des Wassers an meinem Leib und auch das ist gut so. So sanft, ihre Hände, so sanft.

Alles ist ruhig, jeder Aufruhr zu Wasser oder auf dem Land weit entfernt, schlafendes Atmen der Menschen in mir. Mal hier ein Seufzen, mal dort ein leises Lachen, ganz hinten ein verliebtes, liebendes Paar. Träume, so viele Träume, alle möglichen Träume und ich höre, ja spüre sie körperlich, ich träume mit.

Ich rieche gut, sehe gut aus, fühle mich wie neugeboren, die kleinen Risse sind fast alle narbenfrei verklebt, die großen tastbar durch Hitze verbunden. Alles an und in mir ist wieder sicher und bestens zusammen gefügt, nichts ist mehr zu sehen von den Folgen des Tanzes.

Ganz tief in mir steigt ein beruhigendes, zufriedenes Brummen durch mich hindurch nach oben. Die drehenden Flügel meiner Schrauben zerteilen die Schwestern nie wirklich. Sie drücken und schieben und leiten mich mit ihnen hinaus aus dem Hafen. Aufgeregt ihre Hände an meinem Körper: „Es geht wieder los,“ ist ihr leises Informieren. „Es geht los, los geht es, hört ihr, er fährt wieder, hört ihn, hört, hört, streichelt ihn und fühlt, wie schön er ist, wie leicht, tragt ihn, berührt ihn sanft, seinen weißen Leib, spielt mit ihm, liebt ihn, schön, wie er ist. Gebt es weiter, gebt es weiter, erzählt es allen, es geht los, er fährt wieder, wieder, wied.., wie………..

Oh, diese Geborgenheit, wie ich sie liebe, dieses in mir sicher und heil sein. Ich kenne jeden Riss in mir, jede Narbe ist mir bewusst. Und ich weiß, dass mit jeder Fahrt etwas hinzukommt, was ich weiter spüren werde. Ist nicht so wichtig, denn ich fahre wieder und – ich fahre jetzt! Diese Bewegung, die alle Trennungen aufzuheben scheint, ist einschläfernd, fordert auf, meinen eigenen Traum zu träumen, in der wiegenden Feuchtigkeit der Schwestern beschützt zu sein.

Irgendwann wird der Hafen da sein, der mich willkommen heißt, der genau mich zu seiner Bereicherung braucht, der meine Geschichten der Tänze begierig in sich aufsaugt, der mit mir und durch mich lebt, mit dem ich und durch den ich lebe; dem es wichtig ist, dass ich dort liege und der die Menschen zu mir schickt, die die kleinen Fahrten über ruhige Schwestern lieben. Der mich umarmt, wenn ich wieder zurückkomme, der mir Ankerplatz gibt, um die immer kleiner werdenden Schrammen versorgen zu können und dann, ganz ruhig, Seite an Seite mit mir liegt, gestreichelt seine Mauern und meine Haut von unseren Schwestern.

Aber jetzt fahre ich, leicht und voll der Menschen, die mir ihr Leben anvertrauen, deren Träume ich mitträume, deren Schicksale ich erfahren darf, während sie meine Stärke für ihre  Geborgenheit genießen. Es ist mir gleichgültig, ob sie sich zanken oder sich lieben. Ich liebe sie und ich fahre sie dorthin, wohin sie sich träumen. Jeden an den Ort, an den er sich wünscht. Ich träume mit jedem seinen ganz speziellen Traum, die Schwestern helfen mir im Wiegen, der Windbruder trägt die Träume mit sich an die Orte, wo sie hingehören, die Vögel begleiten sie bis hinauf in die unendlichen Gewissheiten der Erfüllung.

Mein Leib zittert und vibriert, mein Herz schlägt ruhig, rhythmisch und regelmäßig, mein Atem fließt ein, fließt aus, sehr beständig – und – ich bin glücklich…….        

Denn jetzt, jetzt ist das Meer blau und ich spüre die sanften Hände des Wassers an meinem Rumpf und das ist gut so. So sanft, ihre Hände, so sanft.

 

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